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Predigt zum Prädikantentag 2. November 2019

1. Mose 8, 18-22, 9, 12-17 (Text für den Zwanzigsten Sonntag nach Trinitatis (3. November 2019) Prädikantentag 2. November 2019

Pfarrer Dr. Dieter Splinter, Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst

8,18 So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, 19 dazu alles wilde Getier, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen. 20 Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.

21 Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. 22 Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

9,12 Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: 13 Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. 14 Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. 15 Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe. 16 Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist.

17 Und Gott sagte zu Noah: Das sei das Zeichen des Bundes, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Fleisch auf Erden.

Kanzelgebet

I.

Liebe Gemeinde!

Gott redet. Er spricht. Zunächst spricht er mit sich selbst. In diesem Selbstgespräch kommt er zu einem Entschluss. Danach redet er mit uns und aller Welt. Dazu setzt er ein Zeichen. Und schließlich wendet er sich an Noah und spricht nur mit ihm. Mit drei Gottesreden haben wir uns also zu beschäftigen. Diese drei Reden haben eine Vorgeschichte. Die geht so:

II.

Noch einmal davongekommen. Aus Gefahr gerettet. Gott sei Dank! Vorbei ist das Rauschen der Regengüsse, das Steigen der Wassermassen, das Wüten der Wellen, das Treiben der Arche auf der Wasserwüste. Vorbei ist die Enge der Arche, vorbei sind die bangen Fragen: Was wird aus uns? Wie lange noch? Hält die Arche stand? Dann – endlich – ist alles vorüber. Erleichterte Blicke werden getauscht, dankbares Durchatmen. „Noah ging heraus aus der Arche mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, dazu alles wilde Getier, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.“

Geschichten wie diese, Geschichten von der großen Flut, werden rund um den Erdball erzählt. Etwa dreihundert Schilderungen dieser Art hat man gefunden. In den Früh- und Hochkulturen haben sie ihren Ort. Zumeist sind sie unabhängig voneinander entstanden. Auffällig ist jedoch wie sehr sie übereinstimmen. Immer geht es dabei um die Bedrohung durch Wassermassen, durch Wind und Wetter. Wir können diese Geschichten nachempfinden. Sie können noch heute zu einer grausige Realität werden: Erdbeben, Tsunamis, Überschwemmungen, Wirbelstürme. Naturkatastrophen, die Abertausenden das Leben kosten können. Menschen und Tieren.
Neben diesen Naturkatastrophen gibt es jene Katastrophen, die von Menschen gemacht werden. Wir kennen sie vielleicht aus eigenem Erleben. Sicher kennen wir sie aus Nachrichten, Büchern und Erzählungen. Meine Vorfahren etwa stammen aus Stettin. 1946 wurden sie von dort, von Haus und Hof, vertrieben. In meiner Kindheit und Jugend war das in Erzählungen immer wieder gegenwärtig: „Wir haben alles verloren. Aber wir sind noch einmal davongekommen. Das Leben kann von vorn beginnen. Gott sei Dank!“ Hierzulande leben viele Nachkommen jener, die damals noch einmal davon gekommen sind. Und es leben inzwischen jene in unserem Land, die erfahren haben, was mir und anderen von Vorfahren erzählt wurde. Sie sind aus Kriegsgebieten geflohen, von Not und Gewalt vertrieben: aus Eriträa, aus Syrien, aus dem Irak, aus Afghanistan. Und wir selber? Auch da immer wieder die Erfahrung: noch einmal davongekommen. Nach überstandener schwerer Krankheit, nach der so oder so gearteten persönlichen Katastrophe.
Aus Gefahr gerettet. Die Katastrophe ist vorbei. Dankbares Durchatmen. Dankbarkeit braucht einen Adressaten: „Noah aber baute dem Herrn einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.“

II.

Das ist die Vorgeschichte. Nun beginnen die Gottesreden. In der ersten spricht Gott mit sich selbst. Vor dem Reden steht das Riechen: „Und der Herr roch den lieblichen Geruch…“. Mich bringt das zum Schmunzeln. Es erinnert mich daran wie sich meine Nasenflügel weiten, wenn der Geruch nach gutem Essen aus der Küche kommt. (Da bin ich dann immer gleich viel besser gelaunt.) Gott jedenfalls gefällt der Geruch, der ihm da in die Nase steigt. Und vor allem: die Dankbarkeit Noahs veranlasst Gott zu einem Entschluss: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.“ Gott ist lernfähig.
Die Bibel spricht hier sehr menschlich von Gott. Sie tut dies an vielen Stellen. Zudem bekennen wir als Christenmenschen: in Jesus Christus wurde Gott Mensch. In Jesus Christus ist Gott nichts Menschliches fremd. In der Weihnachtsgeschichte heißt es dazu lapidar: „Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe…“. Am Ende seines irdischen Lebens stirbt er am Kreuz. In Krippe und Kreuz – und in all dem dazwischen – kommt uns der allmächtige Gott in Jesus Christus ganz nah. Ihm ist nun wirklich nichts Menschliches mehr fremd.
Gott kennt uns darum nur zu gut. So stellt er fest: „… das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ Da regt sich Widerstand. Das kann doch für kleine Kinder gar nicht zutreffen! Wenn sie geboren werden, können sie doch noch gar nichts Schlimmes getan haben! Sogar im Kirchenjahr gibt es schließlich am 28. Dezember den „Tag der unschuldigen Kindlein“. All das stimmt – und doch: jedes neugeborene Kind findet immer schon etwas vor, in das es hineinwächst. Was es da vorfindet ist dies: es gibt viel, es gibt sehr viel guten Willen auf Erden. Wir Menschen „wollen das Gute und sogar das Beste aus uns und unserer Erde herausholen.“ Das ist unser „Dichten und Trachten“. Danach streben wir. „Doch gerade so beschwören wir das Schlimmste über uns und unsere Erde herauf. Wir wollen des Guten zuviel. Das macht uns böse.“ (E. Jüngel: Unterbrechungen, Predigten IV, S. 13)
In seinem Selbstgespräch stellt das Gott nüchtern fest. So ist der Mensch. Darum fasst Gott einen Entschluss. Dem Zerstörungsdrang von uns Menschen setzt Gott etwas entgegen. Sein Strafgericht in einer Naturkatastrophe wird es nicht mehr geben: „Ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.“ Dass wir Menschen in bester Absicht immer wieder Böses zu bewirken, dem setzt Gott sein Erhaltungshandeln entgegen: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“

III.

In seiner zweiten Rede macht Gott diesen Entschluss uns und aller Welt bekannt. Er schließt einen Bund – wie es heißt: „zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig“. Da Mensch und Tier sich auch von Pflanzen ernähren, werden diese stillschweigend mit einbezogen. Gott schließt diesen Bund ganz einseitig. Er sagt gleichsam: „Das mache ich jetzt und von nun an so!“ Gegen die Zerstörungskraft von uns Menschen setzt Gott seine Entschlusskraft die Erde zu erhalten. An der Zerstörung der Schöpfung beteiligt er sich nicht. Sich selbst und uns erinnert er mit dem Regenbogen daran: „Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde.“
Wer hätte noch keinen Regenbogen gesehen? Farbenspektakel am Himmel nach einem Regenguss. Natürlich können wir das längst physikalisch erklären. Sonnenlicht bricht sich in Regentropfen. Je nach dem Einfallen des Sonnenlichts entstehen die Farben des Regenbogens. Und doch – welch Zeichen! Noch hängen Wolken am Himmel. Doch das Unwetter ist vorbei. Die Sonne lugt hervor. Ihre Strahlen werden heller. Das Schlimmste ist überstanden. Hoffnung keimt auf. Himmel und Erde werden durch den Regenbogen verbunden. Gott meint es gut mit uns. Das Leben ist bunt und schön und fröhlich. Der Anfang der Schöpfung leuchtet auf: „Und siehe, es war sehr gut!“
Lieder und Poesie sind nötig, um das in Worte zu fassen: „Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang. Frühlied der Amsel, Schöpferlob klingt. Dank für die Lieder, Dank für den Morgen, Dank für das Wort dem beides entspringt. … Dank überschwänglich, Dank Gott am Morgen! Wiedererschaffen grüßt uns sein Licht.“

IV.

Das führt hinüber zur dritten und letzten Rede Gottes. Sie richtet sich an Noah. Sie ist kurz und knapp. Und doch hat sie es in sich: „Und Gott sagte zu Noah: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Fleisch auf Erden.“ Warum muss Noah von Gott nochmals extra auf den Regenbogen als Zeichen des Bundes erinnert werden, den Gott zwischen sich „und allem Fleisch auf Erden“ aufgerichtet hat?
Noah steht für die, die noch einmal davongekommen sind. Er ist gerettet worden. Er hat die Katastrophe überstanden. Der Schreck sitzt ihm noch in den Gliedern. Noah wird in der Sintflutgeschichte als „frommer Mann“ geschildert, als einer, „der mit Gott wandelte“ und darum Gnade findet vor Gott. Er und die Seinen werden darum gerettet. Warum die Rettung, wenn es hinterher mit dem Bösen weitergeht? Das, so denke ich mir, ist Noahs heimliche Frage. Vermutlich ist das auch unsere heimliche Frage. Was wir singen, soll doch nicht vergeblich sein: „Wohl denen, die da wandeln vor Gott in Heiligkeit, nach seinem Worte handeln und leben allezeit…“.
Doch Gott lässt seine Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte. Ob es uns nun gefällt oder nicht – Gottes Bund „mit allem Fleisch“ gilt wirklich allen, egal ob sie nun Raubtiere auf vier oder auf zwei Beinen sind. Und das ist gut so. Auch unser Sinnen und Trachten ist nicht immer edel, hilfreich und gut. So enthält die letzte kurze Rede Gottes für Noah eine Ermahnung: Sei nicht selbstgerecht!
Vor allem enthält diese letzte Gottesrede eine Ermutigung. Noah und die Seinen werden gerettet. Sie überstehen die Katastrophe. Sie kommen noch einmal davon. Noah weiß, wem er das verdankt und baut darum Gott einen Altar. Das Leben geht weiter. Gott sei Dank. Die Dankbarkeit Noahs wirkt. Sie bringt Gott zu einem Entschluss. Er wird fortan die Erde erhalten.
Längst hat sich herumgesprochen, dass wir Menschen Gott das Erhalten der Erde schwer machen. Artensterben, Müll in den Meeren, die nächste Sintflut bereiten wir auch schon vor. Schmilzt durch die Erderwärmung das arktische Eis weiter, wird der Meeresspiegel erheblich ansteigen. Nach mir die Sintflut kann für unsere Enkel schon Wirklichkeit werden. Die gehen darum auf die Straße. Zugleich gibt es viel Ohnmacht. Was kann man, was soll man tun? Appelle gibt es viele. Gute Ratschläge auch. Und immer wieder neue Schreckensmeldungen.
Noah hat den Schreck noch in sich. Doch er lässt sich vom Schreck nicht mehr schrecken. Noah baut Gott einen Altar. Noah und alle, die an seiner Seite stehen, wissen: auf die Dankbarkeit kommt es an. Mit seiner letzten Rede ermutigt Gott dazu, daran festzuhalten. Wer dankbar ist weiß, wann er genug hat. Des Guten zuviel braucht er nicht. Und er weiß: jedes Mal, wenn ein Regenbogen am Himmel erscheint, ist das ein Zeichen. Seine fröhlichen Farben erinnern daran, dass für diese Erde immer noch Hoffnung besteht.
Grund genug in das Lob Gottes einzustimmen. Es ist Anfang aller Veränderung. Es vertreibt die Mutlosigkeit. Es setzt ein „Aber“ in die Welt: „Noah aber baute dem Herrn einen Altar…“. Amen.