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Geistlicher Impuls zum Wochenspruch am Palmsonntag (5. April 2020)

Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben,
das ewige Leben haben.

(Johannes 3, 14b.15)

„Das muss so sein. Dazu gibt es keine Alternative!“ Normalerweise gefallen uns solche Aussagen nicht. Wir wittern dann, oft zu Recht, dass unsere Freiheit eingeschränkt oder uns etwas aufgeschwatzt werden soll, was wir nicht wollen. In diesen Tagen und Wochen gibt es ein solches „Muss“ tatsächlich: Es gilt voneinander körperlich Abstand zu halten, weil sich so die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamt. Die meisten halten sich an dieses „Muss“, obgleich es unsere Freiheit erheblich einschränkt. Erste Erfolge dieser Strategie stellen sich ein. Die Verbreitung des Virus bei uns in Deutschland verlangsamt sich tatsächlich. Noch sind wir die Plage dieses Virus nicht los, aber die Verlangsamung seiner Ausbreitung nährt die Hoffnung, dass wir irgendwann unser altes Leben zurückbekommen.
Mit dem „Muss“ des Abstandhaltens ist die „Erhöhung“ aller verbunden, die in medizinischer und pflegerischer Hinsicht bei der Bekämpfung der Epidemie Großartiges leisten. Ihnen allen wird zu Recht große Anerkennung zuteil. Sie tun alles, damit Menschen ihr Leben behalten und die Seuche besiegt werden kann.
In diesen schweren Zeiten bekommen wir alle mehr als eine Ahnung davon wie es um den Zusammenhang eines „Muss“ mit der „Erhöhung“ und der Erhaltung von Leben steht. Gleichwohl geht das Wort für die Karwoche weit über
diese Ahnung hinaus.
Die Erhöhung, die Jesus Christus zuteil werden muss, ist eine doppelte. Die erste „Erhöhung“ führt ihn ans Kreuz. Auf diese „Erhöhung“ hätte Jesus selber gern verzichtet. Doch zu einem „Muss“ gehört immer, dass man sich einer Notwendigkeit, dem Urteil anderer oder eines anderen beugt und sich in das Unvermeidliche fügt. Der Grund für dieses „Muss“ bringen wir im Abendmahl, dessen gemeinsame Feier wir in einem Gottesdienst in dieser Woche
besonders schmerzlich vermissen, in diesen Worten auf den Punkt: „Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt…“. Das, was Menschen einander antun und was sie so von Gott trennt, kann kein Mensch aus der Welt
schaffen und vergeben. Das muss Gott selber tun. Das, was Gott da selber tun muss, verbietet es auch von der Corona-Pandemie als eine Strafe Gottes zu sprechen. Die „Sünd der Welt“ legt Gott auf seinen Sohn. Schon die ersten
Christen wussten das und beriefen sich dabei auf den Propheten Jesaja (53,3):„Die Strafe liegt auf ihm, auf das wir Frieden hätten…“. Mit diesem befreienden Zuspruch versehen, können wir alles Menschenmögliche tun, um die Seuche,
die die Welt derzeit heimsucht, zu bekämpfen.
Wenn das Kreuz allerdings die einzige „Erhöhung“ wäre, die Christus zuteil werden muss, gäbe es am Ende für uns alle immer nur eine Aussicht: „…vor Augen steht der ewig Tod.“ (EG 7,6) Die Bibel berichtet uns aber, dass Christus
nicht im Tod geblieben ist. Diese Botschaft nehmen wir im Bekenntnis unseres Glaubens so auf: „…am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes…“. Für Glaubende gibt es so eine
ganze andere Aussicht als die „auf den ewig Tod.“ Es ist die Aussicht auf das ewige Leben. Gemeint ist damit ein Leben ganz und gar in der Nähe Gottes – und jenseits von Leid und Tränen. Die Hoffnung auf solch ein Leben stirbt für
uns Christenmenschen nie – auch nicht zuletzt.

Pfarrer Dr. Dieter Splinter, Freiburg
Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst