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Geistlicher Impuls zum Wochenspruch am 3. Sonntag nach Trinitatis

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. (Lukas 19, 10)

„Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein!“ Meine Großmutter brachte mir dieses Gebet bei. Als ich ein kleiner Junge war, hat es mich lange begleitet. Jeden Abend vor dem Einschlafen habe ich es leise vor mich hin gesagt. Später ist mir die einfache Aussage dieses Kindergebetes in Kirchenliedern begegnet. Etwa in diesem: „Such, wer da will, ein ander Ziel, die Seligkeit zu finden; mein Herz allein bedacht soll sein, auf Christus sich zu gründen.“ (EG 346, 1) Wohl in der Konfirmandenzeit habe ich dieses Lied zum ersten Mal gesungen. Spätestens da war mein Herz nicht mehr rein – wenn es das überhaupt je war. Man sagt ja schon Kindern nach, dass sie ziemlich garstig sein können. Oder zumindest manchen Blödsinn oder so manche Dummheit machen, vor allem später als Jugendliche. Beim ersten Klassentreffen nach langen Jahren stellten jedenfalls etliche Klassen­kameraden über mich als ihrem einstigem Mitschüler verwundert fest: „Und der Schlimmste ist Pfarrer geworden…“.
Die meisten von uns haben als Heranwachsende irgendwelche Dummheiten gemacht, die uns aus der Bahn hätten werfen können. Doch irgendwie haben wir ins Leben gefunden und sind nicht verloren gegangen. Trotzdem haben wir eine Ahnung davon oder haben es beobachtet, dass man im Getriebe des Lebens verlorengehen kann.

Verloren gehen, sich selbst verloren geben. Gott will sich damit nicht abfinden. In Jesus Christus geht er denen nach, die sich im Sinnlosen verloren haben und so drohen sich selbst verloren zu geben. Gott verhält sich wie jener Hirte, der 99 Schafe hat und trotzdem dem einen verlorenen nachgeht. Warum tut Gott das? Warum wird Gott, er zu einem leidenschaftlich suchenden Gott, der nicht Ruhe gibt, bis er findet: Fromme und Gottlose, Gerechte und Selbstgerechte, sich selbst Verlorengebende – und die, die von andern längst verloren gegeben worden sind?
In einem theologischen Seminar an der Universität müsste ich jetzt von schwerwiegenden Begriffen reden: etwa von der uns in Jesus Christus ganz und gar unverdient begegnenden göttlichen Gnade. Doch die beste Antwort in allen Gott betreffenden Fragen ist immer noch die, die auch einem Kind einzuleuchten vermag.
Wohl denen jedenfalls, die wie mir als Kind nicht nur ein einfaches Kindergebet beigebracht wurde, sondern denen bisweilen am Abend ein Lied vorgesungen wurde, dessen einfache Wahrheit einen durch’s Leben tragen kann: „Weißt Du, wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? … Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl.“ Dass ihm auch nicht eines fehlet. Bei Gott soll keiner verloren gehen. Das ist’s. Und was ist schon ein Stern, was ist selbst der strahlendste Stern gegen einen einzigen zitternden Menschen, der sich verloren wähnt – und doch in Gottes Liebe geborgen ist?
Ihr

Dr. Dieter Splinter
Pfarrer
Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst
an der Evangelischen Hochschule Freiburg
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