Praedicare.de

Geistlicher Impuls zum Wochenspruch am 4. Sonntag nach Trinitatis

Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. (Galater 6, 2)

„Willst du sprechen über mich und die Meinen? Geh nach Haus und beseh‘ die Deinen! Findest du dort keine Fehler und Gebrechen, steht es dir ja frei, über mich und die Meinen zu sprechen.“ Das stand über dem Ausgang des Hauses, in dem ich als Kind wohnte. Sorgen, Leid, Schwierigkeiten, Nöte, die Folgen von Schuld und Versäumnissen finden sich überall. Eine Redensart sagt es kurz und treffend so: „Unter jedem Dach ein Ach.“ Da sich unter jedem Dach ein Ach findet, verbietet es sich auch von selbst, über die „Fehler und Gebrechen“ anderer herzuziehen. Wer das tut, muss in der Regel andere heruntermachen, um sich selber größer und besser zu fühlen.

Der Apostel Paulus rät uns Christenmenschen von vornherein einen ganz anderen Weg zu gehen, nämlich die Last des anderen zu tragen – oder wenigstens einen Teil davon. Erstaunlich ist, wie sehr dieser Rat – trotz der verbreiteten Neigung über andere herzuziehen – Allgemeingut geworden ist. Darum stellt der Volksmund fest: „Geteiltes Leid ist halbes Leid“. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. Eines ist ganz aktuell: Momentan werden enorme Summen aufgebracht, um hierzulande und in ganz Europa die Folgen der Corona-Pandemie zu mildern und – wenn irgend möglich – gestärkt aus der Krise herauszukommen. Dabei wird es wohl so sein, dass die dadurch entstehenden Lasten verteilt werden und die stärkeren Schultern mehr werden tragen müssen als die schwächeren.

Paulus erwartet von uns Christenmenschen aber nicht bloß in besonders schwierigen Zeiten Lastenträger zu sein. Schließlich geht es darum, das „Gesetzt Christi“ zu erfüllen. Und das gilt immer und ist schnell auf den Punkt gebracht: „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst!“ Wer Gott liebt weiß, wer für seinen einzigen Trost im Leben und im Sterben sorgt. Aus dieser Gewissheit erwächst Freiheit. Die Herren dieser Welt mögen kommen und gehen – unser Herr kommt. Wer seinen Nächsten liebt, weiß wozu er auf der Welt ist. Für Barmherzigkeit gibt es stets genug Gelegenheiten. Und wer sich selbst liebt, kennt seine Grenzen. Er wird sich beim Tragen der Lasten anderer nur das aufbürden, was er wirklich (er-)tragen kann. Auf diese Weise wird dem Wort des Paulus an die Galater ein Wort, das ermutigt und weiterführt: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“

Ihr

Dr. Dieter Splinter
Pfarrer
Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst
an der Evangelischen Hochschule Freiburg
Buggingerstraße 38
79114 Freiburg
Tel. 0761/478 12-698
email:dieter.splinter@ekiba.de
Homepage:www.praedicare.de