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Geistlicher Impuls zum Wochenspruch am 9. Sonntag nach Trinitatis

Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen, und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern. (Lukas 12, 48b)

Das Beurteilen ist eine Strategie im Lebenskampf, manchmal harmlos, manchmal unvermeidlich, manchmal mit lebensverändernden Folgen. Wir alle sind in diese Handlungskette mehr oder weniger stark einbezogen. Wir beurteilen und wir werden beurteilt: in Schule, Studium oder Ausbildung, bei der Arbeit, in den Institutionen, in denen wir tätig sind, in Diskussionen und Debatten. Wer über große Talente verfügt, von dem wird viel erwartet. Und: die Allermeisten wollen selber nicht hinter ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten zurückbleiben.

Bei diesen Erfahrungen setzt das Wort Jesu an: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern.“ Jesus geht dabei davon aus, dass wir nicht nur uns selbst und anderen, sondern einmal Gott selber Rechenschaft für unser Tun und Lassen geben müssen. Darauf gilt es sich vorzubereiten.

Bei dieser Vorbereitung kann uns der „treue und kluge Verwalter“ ein Vorbild sein. Von ihm spricht Jesus in einem Gleichnis an dessen Ende sein Wort steht, von dem hier die Rede ist. Dieser Verwalter ist kein Besitzer. Und doch lebt er von seiner Aufgabe. Er kümmert sich um das ihm Anvertraute – und um die die ihm Anvertrauten. Er bemüht sich um Gerechtigkeit. Er setzt seine Talente ein und freut sich über Erreichtes. Er weiß, dass ihm viel gegeben und überantwortet worden ist und darum
auch viel von ihm gefordert werden darf. Er handelt nach bestem Wissen und Gewissen. Und er weiß stets um seine Verantwortung.

Wir tun gut daran, solch „treue und kluge Verwalter“ zu sein. Ob wir dann einmal vor Gottes Richterstuhl Gnade finden, wissen wir nicht – aber wir haben guten Grund darauf zu hoffen. Denn so sehr das Neue Testament auch vom Gericht spricht, so spricht es doch zugleich von Gottes Gnade. Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Nehmen wir die Rede vom Gericht nicht ernst, wird die Rede von der Gnade belanglos. Sie gilt – um Jesu Christi willen – im Leben wie im Sterben. Der Glaube macht uns dessen gewiss.

Darum heißt es in der ersten Frage des Heidelberger Katechismus von 1563: „Was ist nun dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Und die Antwort lautet: „Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.
Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst; und er bewahrt mich so, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupte fallen kann, ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss. Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens gewiss und von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben.“

Ihr
Dr. Dieter Splinter
Pfarrer
Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst
an der Evangelischen Hochschule Freiburg