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Geistlicher Impuls zum Wochenspruch am 11. Sonntag nach Trinitatis

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade (1. Petrus 5,5b)

Hochmut und Demut. Diese Begriffe sind uns geläufig. Vielleicht sogar zu geläufig. Man kann sie schnell zur Hand haben. Wer den Kopf hoch trägt, allzu hoch trägt, läuft Gefahr als hochmütig verschrien zu werden. Die Argumente seiner Gegner laufen meistens auf eines hinaus: Hochmut kommt vor dem Fall! Mit dem Hochmut scheinen sich also viele auszukennen. Mit der Demut ist das schon schwieriger. Sie wird schnell mit Unterwürfigkeit in Verbindung gebracht. Und wer will sich dann seinerseits damit in Verbindung bringen lassen?

Und trotzdem heißt es: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. Gott hat dafür einen ganz bestimmten Grund. Er heißt Jesus Christus. Sich auf diesen Grund zu stellen, bedeutet, seinen Blick nicht bloß nach oben, sondern zugleich auch nach unten zu richten. Oder, um es in der Sprache des Theologen zu sagen, sich nicht bloß an der Auferstehung Jesu, sondern immer zugleich an Jesu Kreuz auszurichten. Denn Jesus Christus will nicht in der Höhe regieren, ohne zugleich in der Tiefe, bei uns und mit uns und für uns dazu sein.Wer in den Himmel will, muss immer zugleich auf die Erde schauen. Es wäre Arroganz gegen Gott, wenn wir das Leben auf Erden mit seinen privaten und öffentlichen Pflichten nicht mehr Ernst nehmen würden, also füreinander dazu sein. Auch und gerade für jene dazu sein, deren Tun und Lassen uns missfällt.

Denn füreinander da zu sein – das bedeutet immer auch, aneinander zu arbeiten. Und diese Arbeit tun, das heißt im Neuen Testament: Demut. Demut ist keine Unterwürfigkeit. Demut ist der Mut zur Arbeit aneinander. Nicht mehr und nicht weniger. Wer sich um diese Arbeit drückt, der demonstriert einen unerträglichen Hochmut, und zwar einen für Gott unerträglichen Hochmut.

Den Anderen neben sich gelten zu lassen und ihn im entscheidenden Augenblick mehr gelten zulassen als sich selbst – das ist Demut, das ist die harte Arbeit, die Gott von seinen Menschen im Umgang miteinander erwartet. Was Gott von allen Menschen erwartet, das mutet er speziell seiner Gemeinde zu. Auch der Umgang der Christen miteinander ist ja oft kein Kinderspiel. Die Meinung des anders Denkendenin der Kirche (und auch anderswo) zu ertragen, in der Kirche Jesu Christi (und anderswo) nicht nur nebeneinander, sondern füreinander da zu sein – das ist die Demut, der Gott seine Gnade verheißt .

Ihr
Dr. Dieter Splinter
Pfarrer
Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst an der Evangelischen Hochschule Freiburg