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Geistlicher Impuls zum Wochenspruch am 12. Sonntag nach Trinitatis

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. (Jesaja 42,3a)

Gott kann und wird auch noch in der aussichtslosesten Lage etwas mit uns anfangen. Das war schon dem Propheten Jesaja klar. Darum hat er diesen Satz geschrieben. Die frühen Christen haben ihn auf Christus bezogen. Am Kreuz schien für Jesus alles vorbei zu sein, der Lebenswille gebrochen, das Lebenslicht erloschen. Dann aber am Ostermorgen die Botschaft: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ (Lukas 24,5 – 6)

Die Hoffnung stirbt nie. Auch nicht zuletzt. Für Gott gibt es keine aussichtlose Lage. Wir Menschen mögen das anders sehen. Oft genug gibt uns das Leben Anlass dafür. Dann fühlen wir uns angeknackst, geknickt, am Boden zerstört. Dann flackert unser Lebenswille wie eine Kerze im Wind oder droht ganz zu erlöschen wie ein Docht, der bloß noch glimmt. Oder wir nehmen diesen Zustand an anderen wahr: Geknicktes Rohr, glimmender Docht – das sind sehr anschauliche Ausdrücke für sehr unansehnliche menschliche Existenzen. Nach der Logik des Verbrauchs haben sie keinen Wert mehr. Ein geknickter Stock ist zu nichts mehr zu gebrauchen. Am besten bricht man ihn gleich ganz durch und wirft ihn weg. Und eine Kerze, die heruntergebrannt ist und bei der dann bloß noch der Docht glimmt, ersetzt man am besten durch eine neue.

Doch für Gott gibt es – um Jesu Christi willen – keinen Menschen, der unter die Logik des Verbrauchs fällt. Im Gegenteil. Das geknickte Rohr wird er, der allmächtige Gott, gerade nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er gerade nicht auslöschen. Für Gott nämlich, der seinen Sohn nicht im Tod gelassen hat, gibt es keine aussichtslose Lage. Diejenigen, die vom Glauben an diese Botschaft erfasst sind, sind darum Protestleute gegen Resignation, Verzweiflung und Mutlosigkeit. Sätzen wie: „Das hat doch alles keinen Zweck!“, oder: „Den kann man vergessen!“, oder: „Es hat alles keinen Sinn mehr!“ geben sie keine Macht. Vielmehr trauen sie der Verheißung, die schon Jesaja vor vielen Jahrhunderten unter die Leute gebracht hat. Sie macht Mut sein Vertrauen noch in der schwierigsten Lage ganz und gar auf das Tun Gott zu richten: Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Ihr
Dr. Dieter Splinter
Pfarrer
Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst an der Evangelischen Hochschule Freiburg