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Verabschiedung Dr. Splinter und Einführung Dr.in Niethammer

Am 31. Oktober 2020 wurde Pfr. Dr. Splinter in der Stadtkirche Karlsruhe in den Ruhestand verabschiedet und Pfrn. Dr.in Niethammer als Nachfolgerin als Landeskirchliche Beauftragte für Prädikantenarbeit/Leiterin des Prädikantendienstes eingeführt.


Fotos: Michael Roth

 

Hier können Sie die beiden Predigten nachlesen:

Kurzpredigt zur Verabschiedung als Landeskirchlicher Beauftragter für Prädikantenarbeit/Leiter des Prädikantendienstes, 31. Oktober 2020, Stadtkirche Karlsruhe, Pfarrer Dr. Dieter Splinter

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ (Mt 4,4). Das, liebe Gemeinde, war mein Konfirmationsspruch.

Mein Konfirmator wusste wohl, was er tat als er mir dieses Wort aus dem Matthäusevangelium mit auf den Weg gab. Ich habe schon damals gern gegessen. Aber natürlich enthält dieses Wort viel mehr als die leise Mahnung es mit dem Essen nicht zu übertreiben. Es erinnert daran, wie bedürftig wir Menschen doch sind. Darum bitten wir im Vaterunser: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Auf die Frage: „Was heißt denn tägliches Brot?“ antwortet Martin Luther im Kleinen Katechismus immer noch unnachahmlich klar: „Alles, was not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“ Sprachlich würden wir heute manches anders fassen. Doch im Kern ist dem nichts hinzuzufügen. Das braucht es alles. Und natürlich nicht nur für einen selber, sondern für alle Welt.

Doch zu einem gelingenden Leben gehört noch mehr: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern…“. Auf dieses Wörtlein kommt es an: „… sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ Ohne das damals wirklich zu begreifen, wurde mir dieses „Sondern“ früh nahegebracht. Die ersten Jahre meines Lebens habe ich in einem Dorf gelebt, genauer gesagt, auf einem Weiler. Zwei Bauernhäuser, ein Misthaufen dazwischen. Überschaubare Verhältnisse. Ländliche Idylle. In der Schule dann vier Klassen in einem Raum. Diasporasituation. Der Pfarrer aus der nahegelegenen Kleinstadt – Pfullendorf, unweit des Bodensees – unterrichtete uns wenige evangelischen Schüler aus den ersten vier Volksschulklassen gemeinsam in Religion. Mit einem damals verbreiteten Lehrbuch: Schild des Glaubens. Ich liebte die biblischen Geschichten, die uns damit vermittelt wurden: Mose, der wundersam gerettet wird und das Volk Israel aus der Gefangenschaft führt; David, der Goliath besiegt; Jesus, der über’s Wasser geht; Paulus und Silas, die selbst im Gefängnis und mitten in der Nacht Gott loben. In die ländliche Idylle kamen dann auch einmal Zeugen Jehovas, die mich nach Pfullendorf in ihren „Königreichssaal“ mitnahmen. Was ich da hörte, klang anders als im „Schild des Glaubens“. Es war mit Angstmachen verbunden, nicht mit den Geschichten des Vertrauens, die mir aus der Bibel vermittelt worden waren. Das und so manches andere ließ in mir einen Entschluss reifen. Und als ich dann einmal als Neunjähriger von einem Erwachsenen etwas gönnerhaft gefragt wurde – „Na, mein Kleiner, was willst Du denn einmal werden?“ – habe ich keck geantwortet: „Ich bin schon groß und ich werde Pfarrer!“

Und so stehe ich nun hier nach vielen Jahren als Pfarrer und sage: Ja, das stimmt! „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ Wer sich mit biblischen Texten, wer sich mit der Heiligen Schrift, wer sich mit dem Wort Gottes beschäftigt, wird reich beschenkt. Gewiss erschließt sich einem das Wort Gottes bisweilen nur mit Mühen, manchmal bleibt es einem verschlossen und man versteht eine bestimmte Stelle erst viele Jahre später; oft genug fordert einen das Wort Gottes auch heraus. Das Wesentliche des Wortes Gottes lässt sich aber in drei nun schon längst bekannte Begriffe fassen: Glaube, Hoffnung, Liebe.

Glaube meint zuallererst Vertrauen. Der dreieinige Gott, der Schöpfer, der Erlöser und der Tröster ist da für dich und für mich, für einen jeden und eine jede von uns. Ist das Tal auch noch so finster. Und selbst im Angesicht von Feinden bereitet er uns einen Tisch und schenkt uns, wie es in einer alten Berner Bibelübersetzung heißt, „schwibbeli, schwabbeli voll ein“. Diesen Glauben können wir selber nicht machen. Er wird uns aus dem Wort Gottes zugesprochen. Doch wir können diesen Glauben bekennen und für ihn eintreten. Wenn es sein muss streitbar: „Mit Herz und Tat und Mund und Leben.“ – So sagt es der Titel einer Bachkantate.

Das Wort Gottes lässt Hoffnung wachsen. Für einen Christenmenschen stirbt die Hoffnung nie. Auch nicht zuletzt, wenn die letzte Stunde geschlagen hat. Ich will diese Hoffnung in ein Bild kleiden. Es stammt aus den drei synoptischen Evangelien. Vier Männer wollen ihren gelähmten Freund auf einer Trage zu Jesus bringen. Wegen der vielen Leute geht das nicht. Kurzerhand machen sie ein Loch in die Decke des Hauses, in dem sich Jesus befindet, und lassen ihren gelähmten Freund hinunter, Jesus vor die Füße. Und der sagt zu dem Gelähmten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“ So wird es an unserem Ende sein. Vier Männer werden auch uns Christenmenschen an Seilen in eine tiefe Grube lassen. Nichts geht dann mehr. Doch der Auferstandene wird dann aus lauter Gnade zu uns sagen: „Steh auf, meine Tochter, steh auf, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“ Das ist unsere Hoffnung über den Tod hinaus: „Wenn mir auch das Herze bricht …Jesus bleibet meine Freude!“ (aus der Kantate „Herz und Tat und Mund und Leben“)

Und schließlich lehrt das Wort Gottes Liebe. Zu ihr gehören Humor und Hingabe, Geduld und Gelassenheit. Vor allem gehört das Danken dazu. Wer beim Denken das Danken vergisst, wird am Ende gedankenlos. So danke ich. Ich danke Gott für die Kraft, die Gaben und die Fähigkeiten, die er mir geschenkt hat. Ich danke für das tägliche Brot und alles, was dazu gehört – und vor allem für alle, die dazu gehören. Ich danke meiner Kirche. Sie hat mich abgesichert wie einen Beamten, ohne dass ich einer wäre, sie tut es noch. Zugleich hat sie mir Freiheiten eingeräumt wie sie sonst wohl nur noch Künstler haben und mir große Betätigungsfelder ermöglicht. Zuerst als Vikar, dann als Pfarrer im Odenwald, viele Jahre hier an der Stadtkirche, zuletzt in der Ausbildung und Begleitung von Prädikantinnen und Prädikanten. Auch und gerade Ihnen, den Prädikantinnen und Prädikanten, danke ich für viele bereichernde Begegnungen und Erfahrungen.

So sage ich Adieu. Gott befohlen! Und ich bitte Sie und Euch: Lasst uns weiterhin miteinander, füreinander und für diese Welt Zeuginnen und Zeugen für die Wahrheit dieses Satzes sein und bleiben: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes kommt!“ Amen.

 

Predigt über Mt 10, 26b-32 zur Einführung als Landeskirchliche Beauftragte für den Prädikant*innendienst am 31.10.2020 in der Stadtkirche Karlsruhe, Ute Niethammer

„Was euch ins Ohr gesagt wird, das predigt von den Dächern!“ – So stehts auf der Einladung zu diesem GD. Und so steht es im Matthäusevangelium.
Als ein Wort an die, die Jesu Botschaft weitergeben. Im Text die Jünger, in der Übertragung – wir.

Von den Dächern predigen – ich stelle mir vor, ich erklimme das zur Zeit eingerüstete Dach der Evangelischen Hochschule in Freiburg.
Ein viergeschossiger Flachdach-Bau aus den 70er Jahren. Viel Beton, viel Rechteckigkeit.  Ich stelle mir vor, ich habe ein Megaphon – anders könnte ich mich kaum verständlich machen. Vielleicht stehen unten vor dem Gebäude gerade ein paar Studierende. Vielleicht spielen einige Jugendliche auf dem Hof der benachbarten Bonhoeffergemeinde.
Ich rufe also durch mein Megaphon: Hört! Ihr da unten! Hört mir zu!
Der Junge mit dem Basketball stoppt seinen Sternschritt und schaut zu mir hoch.
Die Studentin mit dem Pausenbrot in der Hand versucht zu erkennen, von wo die Stimme kommt.
„Hört mir zu!“ Rufe ich.
Das Sprechen durch das Megaphon ist anstrengend. Die Sätze müssen kurz sein. Ob sie mich verstehen da unten?
Jetzt schauen auch die anderen Basketballer zu mir hoch. Und die kleine Runde um die Studentin herum hat mich nun auch erspäht. Aha, da kommt noch der Hochschulkanzler dazu.
Jetzt also gilt’s. Ich verkündige vom Dach:
„Ich habe eine Botschaft von Gott für euch. Von Jesus.“
Meine Güte ist das anstrengend. Und sprachlich sind diese Kurzsätze auch keine Freude. Immerhin, die da unten scheinen zuzuhören.
„Jesus lebt!“, rufe ich. Und was jetzt?
„Jesus will, dass ihr umkehrt!“? Nein, das ist doch zu platt.
„Jesus liebt euch!“? Nein, dann denken die, ich lese David Safier vor.
„Gott ist das Größte, was ihr euch vorstellen könnt!“? Nein, so was ähnliches hängt zur Zeit an der Johanneskirche in Freiburg – interessiert keinen Menschen.
Was soll ich jetzt predigen?
Ich habe zu lange überlegt. Der Junge mit dem Basketball wirft einen Korb. Die Studentin beißt in ihr Sandwich. Der Kanzler diktiert etwas in sein Handy. Oder ruft er die Polizei?

Beschämt klettere ich am Gerüst wieder nach unten. Wie gut, dass ich normalerweise auf Kanzeln oder an einem Ambo stehen kann und ein Mikrofon habe und Zeit für die Vorbereitung. Aber ein Rest Unbehagen bleibt. Die Kanzel in der Kirche – das ist eben nicht das Dach, wo mich alle hören können, die zufällig gerade da sind. Der Gottesdienstraum – ob historisch oder modern – setzt mich einer gefilterten in der Regel freundlich gesinnten Öffentlichkeit aus. Ich bin weit weg von der Situation, die Matthäus hier schildert. Womöglich schildert uns der Evangelist hier die Situation seiner Zeit, einige Jahrzehnte nach Jesu Auferstehung. Eine Zeit, in der es die jungen christlichen Gemeinden schwer hatten, angefeindet und ausgegrenzt wurden. Matthäus hat Jesu Worte als Ermächtigungsrede formuliert. Die Menschen seiner Zeit konnten heraushören: jetzt geht es darum, ob sich Jesu Wahrheit behauptet. Wer jetzt redet, bekennt sich zu Jesus. Wer jetzt schweigt, verleugnet, dass das Reich Gottes wirklich ist. Und damit ist es für ihn oder sie auch keine Wirklichkeit mehr.

Mir dämmert, warum mein Auftritt auf dem Hochschuldach eine eher peinliche Aktion war: Ich habe den Aufruf falsch verstanden! Matthäus wollte nicht zu Missionspredigten ermutigen, sondern dazu auffordern, sich zu Jesus zu bekennen, öffentlich! Es wird auch zu neutestamentlichen Zeiten schon so gewesen sein, dass Menschen, die von Dächern rufen und damit im wörtlichen Sinne über die Köpfe der Untenstehenden hinweg predigen, für Unverständnis und Kopfschütteln sorgen. Das beruhigt mich etwas. Es war und ist gut und richtig, dass Predigt an Formen, Orte und die Mischung der Zuhörenden gebunden ist. Auch die Jünger Jesu und erst recht die Menschen der Generationen danach, werden sich sehr genau überlegt haben, wann sie zu wem wie über Jesus Christus sprechen.

Hier ist also etwas anderes gemeint als auf gut Glück in der Menge loszupredigen. Im Zentrum steht hier die Kraft des Bekennens.

Ich begebe mich erneut auf ein Dach. Auf das Dach eines großen Bürgerhauses in einer Stadt in der Vergangenheit, in der es so viele Teufel geben mag wie Ziegel auf den Dächern. Durch eine Luke sehe ich in den großen Raum. Dort stehen und sitzen Menschen. Viele Menschen. Ein sehr junger Mann sitzt auf einem Thron. Ein anderer in seinen mittleren Jahren steht im Mönchsgewand vor ihm in gebührender Entfernung. Was dieser Mönch erkannt hat beim Studium der Bibel, was sich daraus als wahr und falsch ergibt, steht in seinen Büchern: Kein Mensch kann sich die Gnade Gottes erkaufen oder verdienen. Wer glaubt, wer Jesus als Christus bekennt, ist ohne Gegengabe mit Gott versöhnt. Das soll er widerrufen. Unter Androhung der Reichsacht, ja des Todes. Aber Luther fürchtet sich nicht vor der Macht des Kaisers und Papstes, fürchtet sich nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können. Er widerruft nicht. Trotzig-selbstbewusst sagt er am Ende seiner Erklärung: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen“.

Vom Dach aus sehe ich, wie die Anspannung bei diesen Worten von ihm weicht. Wie mit jedem Wort seine Stimme sicherer wird. Als er „Gott helfe mir“ sagt, fällt dem Kaiser das Zepter aus der Hand. Als Luthers „Amen“ durch den Raum klingt, bricht ein Tumult aus. Menschen stehen auf und werfen Stühle um, Wachen ziehen ihre Waffen, Schaulustige pfeifen und rufen. Und Luther? Wirft die Arme in die Luft und ruft laut „Ich bin hindurch!“

Ein Bekenntnis zum Wort Gottes mit enormen Folgen. Und ein Zeichen dafür, welche Kraft das Wort Gottes entfaltet, wenn wir es ernst nehmen und dafür einstehen. Das Priestertum aller Gläubigen hat genau hier seinen Ursprung: dass jede*r die Zusage Gottes für sich erkennen. Und im Glauben bejahen kann. Und dass jede*r für diese Wahrheit einstehen kann. Indem ich bekenne, ausspreche, was ich glaube, wird es real. Dass unsere Landeskirche Menschen mit nichtgeistlichen Berufen mit dem Leiten von Gottesdiensten betraut, hat im Vertrauen auf ihre Bereitschaft zu einem öffentlichen Bekenntnis zu tun. Das ist die Voraussetzung für das Predigen. Ja, davon zu sprechen, was ich glaube und hoffe, ist das Grundgerüst jeden Gottesdienstes und die Flugbahn des Heiligen Geistes.

„Was ich euch sage in der Finsternis, das sagt im Licht; und was euch ins Ohr gesagt wird, das predigt auf den Dächern. Und: fürchtet euch nicht!“

Ich kehre zurück in die Zukunft auf das Dach der sanierten Evangelischen Hochschule in Freiburg. Viel Beton. Viel Rechteckigkeit. Das Gebäude ist saniert. Ich flaniere durch den begrünten Dachgarten. Da sitzt die Studentin mit dem Pausenbrot mit einem Kommilitonen. Sie fasst sich an ihren Kreuzanhänger und antwortet ihm auf eine Frage: „Ich trage dieses Kreuz, weil ich überzeugt davon bin, dass wir alle Vergebung brauchen. Du auch.“ Der Student schweigt betroffen. Ich könnte schwören, dass er gerade gegen Tränen ankämpft. An einer Ecke des Dachgartens sehe ich einen Prädikanten im Gespräch. „Warum ich das mache?“, antwortet er einer Studentin der Sozialen Arbeit. „Weil mich vor fünf Jahren die 21 enthaupteten Gastarbeiter in Libyen aufgewühlt haben. Sie wurden getötet, nur weil sie koptische Christen waren. Ich bin auch Christ. Hier habe ich deswegen nichts zu befürchten. Um so mehr will ich dafür einstehen, dass die Mitte unseres Glaubens die Versöhnung ist.“ Eine Dachpalme weiter erzählt eine Mitarbeiterin aus der Verwaltung einer anderen von den letzten Lebenstagen ihrer Mutter: „Sie ist immer schwächer geworden, jeden Tag ein Bisschen mehr. Am Abend bevor sie gestorben ist, kam der Gemeindepfarrer. Wir haben Abendmahl gefeiert. Ich kann damit eigentlich nicht so viel anfangen. Aber dann hat meine Mutter aus dem kleinen Kelch genippt. Sie hat Amen gesagt und gestrahlt. Von innen. Als gäbe es da einen Ort jenseits des Todes …“

Ich setze mich auf eine der vielen Holzbänke. Es geht nicht darum, vom Dach herunter zu predigen. Es geht darum, zu bekennen, was ich glaube. Ohne Furcht.
Dann kommt das Wort Gottes in Bewegung. Dann geraten Menschen in Bewegung. Dann werden Ausschnitte des Himmelreichs sichtbar, ja erlebbar. Weil das Wort Gottes auf immer neue Weise Wirklichkeit wird. Dann ist jeden Tag Reformationstag.

Amen.