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Verabschiedung Dr. Splinter und Einführung Dr.in Niethammer

Am 31. Oktober 2020 wurde Pfr. Dr. Splinter in der Stadtkirche Karlsruhe in den Ruhestand verabschiedet und Pfrn. Dr.in Niethammer als Nachfolgerin als Landeskirchliche Beauftragte für Prädikantenarbeit/Leiterin des Prädikantendienstes eingeführt.


Fotos: Michael Roth

 

Hier können Sie die beiden Predigten nachlesen:

Kurzpredigt zur Verabschiedung als Landeskirchlicher Beauftragter für Prädikantenarbeit/Leiter des Prädikantendienstes, 31. Oktober 2020, Stadtkirche Karlsruhe, Pfarrer Dr. Dieter Splinter

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ (Mt 4,4). Das, liebe Gemeinde, war mein Konfirmationsspruch.

Mein Konfirmator wusste wohl, was er tat als er mir dieses Wort aus dem Matthäusevangelium mit auf den Weg gab. Ich habe schon damals gern gegessen. Aber natürlich enthält dieses Wort viel mehr als die leise Mahnung es mit dem Essen nicht zu übertreiben. Es erinnert daran, wie bedürftig wir Menschen doch sind. Darum bitten wir im Vaterunser: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Auf die Frage: „Was heißt denn tägliches Brot?“ antwortet Martin Luther im Kleinen Katechismus immer noch unnachahmlich klar: „Alles, was not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“ Sprachlich würden wir heute manches anders fassen. Doch im Kern ist dem nichts hinzuzufügen. Das braucht es alles. Und natürlich nicht nur für einen selber, sondern für alle Welt.

Doch zu einem gelingenden Leben gehört noch mehr: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern…“. Auf dieses Wörtlein kommt es an: „… sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ Ohne das damals wirklich zu begreifen, wurde mir dieses „Sondern“ früh nahegebracht. Die ersten Jahre meines Lebens habe ich in einem Dorf gelebt, genauer gesagt, auf einem Weiler. Zwei Bauernhäuser, ein Misthaufen dazwischen. Überschaubare Verhältnisse. Ländliche Idylle. In der Schule dann vier Klassen in einem Raum. Diasporasituation. Der Pfarrer aus der nahegelegenen Kleinstadt – Pfullendorf, unweit des Bodensees – unterrichtete uns wenige evangelischen Schüler aus den ersten vier Volksschulklassen gemeinsam in Religion. Mit einem damals verbreiteten Lehrbuch: Schild des Glaubens. Ich liebte die biblischen Geschichten, die uns damit vermittelt wurden: Mose, der wundersam gerettet wird und das Volk Israel aus der Gefangenschaft führt; David, der Goliath besiegt; Jesus, der über’s Wasser geht; Paulus und Silas, die selbst im Gefängnis und mitten in der Nacht Gott loben. In die ländliche Idylle kamen dann auch einmal Zeugen Jehovas, die mich nach Pfullendorf in ihren „Königreichssaal“ mitnahmen. Was ich da hörte, klang anders als im „Schild des Glaubens“. Es war mit Angstmachen verbunden, nicht mit den Geschichten des Vertrauens, die mir aus der Bibel vermittelt worden waren. Das und so manches andere ließ in mir einen Entschluss reifen. Und als ich dann einmal als Neunjähriger von einem Erwachsenen etwas gönnerhaft gefragt wurde – „Na, mein Kleiner, was willst Du denn einmal werden?“ – habe ich keck geantwortet: „Ich bin schon groß und ich werde Pfarrer!“

Und so stehe ich nun hier nach vielen Jahren als Pfarrer und sage: Ja, das stimmt! „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ Wer sich mit biblischen Texten, wer sich mit der Heiligen Schrift, wer sich mit dem Wort Gottes beschäftigt, wird reich beschenkt. Gewiss erschließt sich einem das Wort Gottes bisweilen nur mit Mühen, manchmal bleibt es einem verschlossen und man versteht eine bestimmte Stelle erst viele Jahre später; oft genug fordert einen das Wort Gottes auch heraus. Das Wesentliche des Wortes Gottes lässt sich aber in drei nun schon längst bekannte Begriffe fassen: Glaube, Hoffnung, Liebe.

Glaube meint zuallererst Vertrauen. Der dreieinige Gott, der Schöpfer, der Erlöser und der Tröster ist da für dich und für mich, für einen jeden und eine jede von uns. Ist das Tal auch noch so finster. Und selbst im Angesicht von Feinden bereitet er uns einen Tisch und schenkt uns, wie es in einer alten Berner Bibelübersetzung heißt, „schwibbeli, schwabbeli voll ein“. Diesen Glauben können wir selber nicht machen. Er wird uns aus dem Wort Gottes zugesprochen. Doch wir können diesen Glauben bekennen und für ihn eintreten. Wenn es sein muss streitbar: „Mit Herz und Tat und Mund und Leben.“ – So sagt es der Titel einer Bachkantate.

Das Wort Gottes lässt Hoffnung wachsen. Für einen Christenmenschen stirbt die Hoffnung nie. Auch nicht zuletzt, wenn die letzte Stunde geschlagen hat. Ich will diese Hoffnung in ein Bild kleiden. Es stammt aus den drei synoptischen Evangelien. Vier Männer wollen ihren gelähmten Freund auf einer Trage zu Jesus bringen. Wegen der vielen Leute geht das nicht. Kurzerhand machen sie ein Loch in die Decke des Hauses, in dem sich Jesus befindet, und lassen ihren gelähmten Freund hinunter, Jesus vor die Füße. Und der sagt zu dem Gelähmten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“ So wird es an unserem Ende sein. Vier Männer werden auch uns Christenmenschen an Seilen in eine tiefe Grube lassen. Nichts geht dann mehr. Doch der Auferstandene wird dann aus lauter Gnade zu uns sagen: „Steh auf, meine Tochter, steh auf, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“ Das ist unsere Hoffnung über den Tod hinaus: „Wenn mir auch das Herze bricht …Jesus bleibet meine Freude!“ (aus der Kantate „Herz und Tat und Mund und Leben“)

Und schließlich lehrt das Wort Gottes Liebe. Zu ihr gehören Humor und Hingabe, Geduld und Gelassenheit. Vor allem gehört das Danken dazu. Wer beim Denken das Danken vergisst, wird am Ende gedankenlos. So danke ich. Ich danke Gott für die Kraft, die Gaben und die Fähigkeiten, die er mir geschenkt hat. Ich danke für das tägliche Brot und alles, was dazu gehört – und vor allem für alle, die dazu gehören. Ich danke meiner Kirche. Sie hat mich abgesichert wie einen Beamten, ohne dass ich einer wäre, sie tut es noch. Zugleich hat sie mir Freiheiten eingeräumt wie sie sonst wohl nur noch Künstler haben und mir große Betätigungsfelder ermöglicht. Zuerst als Vikar, dann als Pfarrer im Odenwald, viele Jahre hier an der Stadtkirche, zuletzt in der Ausbildung und Begleitung von Prädikantinnen und Prädikanten. Auch und gerade Ihnen, den Prädikantinnen und Prädikanten, danke ich für viele bereichernde Begegnungen und Erfahrungen.

So sage ich Adieu. Gott befohlen! Und ich bitte Sie und Euch: Lasst uns weiterhin miteinander, füreinander und für diese Welt Zeuginnen und Zeugen für die Wahrheit dieses Satzes sein und bleiben: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes kommt!“ Amen.

 

Predigt über Mt 10, 26b-32 zur Einführung als Landeskirchliche Beauftragte für den Prädikant*innendienst am 31.10.2020 in der Stadtkirche Karlsruhe, Ute Niethammer

„Was euch ins Ohr gesagt wird, das predigt von den Dächern!“ – So stehts auf der Einladung zu diesem GD. Und so steht es im Matthäusevangelium.
Als ein Wort an die, die Jesu Botschaft weitergeben. Im Text die Jünger, in der Übertragung – wir.

Von den Dächern predigen – ich stelle mir vor, ich erklimme das zur Zeit eingerüstete Dach der Evangelischen Hochschule in Freiburg.
Ein viergeschossiger Flachdach-Bau aus den 70er Jahren. Viel Beton, viel Rechteckigkeit.  Ich stelle mir vor, ich habe ein Megaphon – anders könnte ich mich kaum verständlich machen. Vielleicht stehen unten vor dem Gebäude gerade ein paar Studierende. Vielleicht spielen einige Jugendliche auf dem Hof der benachbarten Bonhoeffergemeinde.
Ich rufe also durch mein Megaphon: Hört! Ihr da unten! Hört mir zu!
Der Junge mit dem Basketball stoppt seinen Sternschritt und schaut zu mir hoch.
Die Studentin mit dem Pausenbrot in der Hand versucht zu erkennen, von wo die Stimme kommt.
„Hört mir zu!“ Rufe ich.
Das Sprechen durch das Megaphon ist anstrengend. Die Sätze müssen kurz sein. Ob sie mich verstehen da unten?
Jetzt schauen auch die anderen Basketballer zu mir hoch. Und die kleine Runde um die Studentin herum hat mich nun auch erspäht. Aha, da kommt noch der Hochschulkanzler dazu.
Jetzt also gilt’s. Ich verkündige vom Dach:
„Ich habe eine Botschaft von Gott für euch. Von Jesus.“
Meine Güte ist das anstrengend. Und sprachlich sind diese Kurzsätze auch keine Freude. Immerhin, die da unten scheinen zuzuhören.
„Jesus lebt!“, rufe ich. Und was jetzt?
„Jesus will, dass ihr umkehrt!“? Nein, das ist doch zu platt.
„Jesus liebt euch!“? Nein, dann denken die, ich lese David Safier vor.
„Gott ist das Größte, was ihr euch vorstellen könnt!“? Nein, so was ähnliches hängt zur Zeit an der Johanneskirche in Freiburg – interessiert keinen Menschen.
Was soll ich jetzt predigen?
Ich habe zu lange überlegt. Der Junge mit dem Basketball wirft einen Korb. Die Studentin beißt in ihr Sandwich. Der Kanzler diktiert etwas in sein Handy. Oder ruft er die Polizei?

Beschämt klettere ich am Gerüst wieder nach unten. Wie gut, dass ich normalerweise auf Kanzeln oder an einem Ambo stehen kann und ein Mikrofon habe und Zeit für die Vorbereitung. Aber ein Rest Unbehagen bleibt. Die Kanzel in der Kirche – das ist eben nicht das Dach, wo mich alle hören können, die zufällig gerade da sind. Der Gottesdienstraum – ob historisch oder modern – setzt mich einer gefilterten in der Regel freundlich gesinnten Öffentlichkeit aus. Ich bin weit weg von der Situation, die Matthäus hier schildert. Womöglich schildert uns der Evangelist hier die Situation seiner Zeit, einige Jahrzehnte nach Jesu Auferstehung. Eine Zeit, in der es die jungen christlichen Gemeinden schwer hatten, angefeindet und ausgegrenzt wurden. Matthäus hat Jesu Worte als Ermächtigungsrede formuliert. Die Menschen seiner Zeit konnten heraushören: jetzt geht es darum, ob sich Jesu Wahrheit behauptet. Wer jetzt redet, bekennt sich zu Jesus. Wer jetzt schweigt, verleugnet, dass das Reich Gottes wirklich ist. Und damit ist es für ihn oder sie auch keine Wirklichkeit mehr.

Mir dämmert, warum mein Auftritt auf dem Hochschuldach eine eher peinliche Aktion war: Ich habe den Aufruf falsch verstanden! Matthäus wollte nicht zu Missionspredigten ermutigen, sondern dazu auffordern, sich zu Jesus zu bekennen, öffentlich! Es wird auch zu neutestamentlichen Zeiten schon so gewesen sein, dass Menschen, die von Dächern rufen und damit im wörtlichen Sinne über die Köpfe der Untenstehenden hinweg predigen, für Unverständnis und Kopfschütteln sorgen. Das beruhigt mich etwas. Es war und ist gut und richtig, dass Predigt an Formen, Orte und die Mischung der Zuhörenden gebunden ist. Auch die Jünger Jesu und erst recht die Menschen der Generationen danach, werden sich sehr genau überlegt haben, wann sie zu wem wie über Jesus Christus sprechen.

Hier ist also etwas anderes gemeint als auf gut Glück in der Menge loszupredigen. Im Zentrum steht hier die Kraft des Bekennens.

Ich begebe mich erneut auf ein Dach. Auf das Dach eines großen Bürgerhauses in einer Stadt in der Vergangenheit, in der es so viele Teufel geben mag wie Ziegel auf den Dächern. Durch eine Luke sehe ich in den großen Raum. Dort stehen und sitzen Menschen. Viele Menschen. Ein sehr junger Mann sitzt auf einem Thron. Ein anderer in seinen mittleren Jahren steht im Mönchsgewand vor ihm in gebührender Entfernung. Was dieser Mönch erkannt hat beim Studium der Bibel, was sich daraus als wahr und falsch ergibt, steht in seinen Büchern: Kein Mensch kann sich die Gnade Gottes erkaufen oder verdienen. Wer glaubt, wer Jesus als Christus bekennt, ist ohne Gegengabe mit Gott versöhnt. Das soll er widerrufen. Unter Androhung der Reichsacht, ja des Todes. Aber Luther fürchtet sich nicht vor der Macht des Kaisers und Papstes, fürchtet sich nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können. Er widerruft nicht. Trotzig-selbstbewusst sagt er am Ende seiner Erklärung: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen“.

Vom Dach aus sehe ich, wie die Anspannung bei diesen Worten von ihm weicht. Wie mit jedem Wort seine Stimme sicherer wird. Als er „Gott helfe mir“ sagt, fällt dem Kaiser das Zepter aus der Hand. Als Luthers „Amen“ durch den Raum klingt, bricht ein Tumult aus. Menschen stehen auf und werfen Stühle um, Wachen ziehen ihre Waffen, Schaulustige pfeifen und rufen. Und Luther? Wirft die Arme in die Luft und ruft laut „Ich bin hindurch!“

Ein Bekenntnis zum Wort Gottes mit enormen Folgen. Und ein Zeichen dafür, welche Kraft das Wort Gottes entfaltet, wenn wir es ernst nehmen und dafür einstehen. Das Priestertum aller Gläubigen hat genau hier seinen Ursprung: dass jede*r die Zusage Gottes für sich erkennen. Und im Glauben bejahen kann. Und dass jede*r für diese Wahrheit einstehen kann. Indem ich bekenne, ausspreche, was ich glaube, wird es real. Dass unsere Landeskirche Menschen mit nichtgeistlichen Berufen mit dem Leiten von Gottesdiensten betraut, hat im Vertrauen auf ihre Bereitschaft zu einem öffentlichen Bekenntnis zu tun. Das ist die Voraussetzung für das Predigen. Ja, davon zu sprechen, was ich glaube und hoffe, ist das Grundgerüst jeden Gottesdienstes und die Flugbahn des Heiligen Geistes.

„Was ich euch sage in der Finsternis, das sagt im Licht; und was euch ins Ohr gesagt wird, das predigt auf den Dächern. Und: fürchtet euch nicht!“

Ich kehre zurück in die Zukunft auf das Dach der sanierten Evangelischen Hochschule in Freiburg. Viel Beton. Viel Rechteckigkeit. Das Gebäude ist saniert. Ich flaniere durch den begrünten Dachgarten. Da sitzt die Studentin mit dem Pausenbrot mit einem Kommilitonen. Sie fasst sich an ihren Kreuzanhänger und antwortet ihm auf eine Frage: „Ich trage dieses Kreuz, weil ich überzeugt davon bin, dass wir alle Vergebung brauchen. Du auch.“ Der Student schweigt betroffen. Ich könnte schwören, dass er gerade gegen Tränen ankämpft. An einer Ecke des Dachgartens sehe ich einen Prädikanten im Gespräch. „Warum ich das mache?“, antwortet er einer Studentin der Sozialen Arbeit. „Weil mich vor fünf Jahren die 21 enthaupteten Gastarbeiter in Libyen aufgewühlt haben. Sie wurden getötet, nur weil sie koptische Christen waren. Ich bin auch Christ. Hier habe ich deswegen nichts zu befürchten. Um so mehr will ich dafür einstehen, dass die Mitte unseres Glaubens die Versöhnung ist.“ Eine Dachpalme weiter erzählt eine Mitarbeiterin aus der Verwaltung einer anderen von den letzten Lebenstagen ihrer Mutter: „Sie ist immer schwächer geworden, jeden Tag ein Bisschen mehr. Am Abend bevor sie gestorben ist, kam der Gemeindepfarrer. Wir haben Abendmahl gefeiert. Ich kann damit eigentlich nicht so viel anfangen. Aber dann hat meine Mutter aus dem kleinen Kelch genippt. Sie hat Amen gesagt und gestrahlt. Von innen. Als gäbe es da einen Ort jenseits des Todes …“

Ich setze mich auf eine der vielen Holzbänke. Es geht nicht darum, vom Dach herunter zu predigen. Es geht darum, zu bekennen, was ich glaube. Ohne Furcht.
Dann kommt das Wort Gottes in Bewegung. Dann geraten Menschen in Bewegung. Dann werden Ausschnitte des Himmelreichs sichtbar, ja erlebbar. Weil das Wort Gottes auf immer neue Weise Wirklichkeit wird. Dann ist jeden Tag Reformationstag.

Amen.

Geistlicher Impuls zum Wochenspruch am 12. Sonntag nach Trinitatis

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. (Jesaja 42,3a)

Gott kann und wird auch noch in der aussichtslosesten Lage etwas mit uns anfangen. Das war schon dem Propheten Jesaja klar. Darum hat er diesen Satz geschrieben. Die frühen Christen haben ihn auf Christus bezogen. Am Kreuz schien für Jesus alles vorbei zu sein, der Lebenswille gebrochen, das Lebenslicht erloschen. Dann aber am Ostermorgen die Botschaft: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ (Lukas 24,5 – 6)

Die Hoffnung stirbt nie. Auch nicht zuletzt. Für Gott gibt es keine aussichtlose Lage. Wir Menschen mögen das anders sehen. Oft genug gibt uns das Leben Anlass dafür. Dann fühlen wir uns angeknackst, geknickt, am Boden zerstört. Dann flackert unser Lebenswille wie eine Kerze im Wind oder droht ganz zu erlöschen wie ein Docht, der bloß noch glimmt. Oder wir nehmen diesen Zustand an anderen wahr: Geknicktes Rohr, glimmender Docht – das sind sehr anschauliche Ausdrücke für sehr unansehnliche menschliche Existenzen. Nach der Logik des Verbrauchs haben sie keinen Wert mehr. Ein geknickter Stock ist zu nichts mehr zu gebrauchen. Am besten bricht man ihn gleich ganz durch und wirft ihn weg. Und eine Kerze, die heruntergebrannt ist und bei der dann bloß noch der Docht glimmt, ersetzt man am besten durch eine neue.

Doch für Gott gibt es – um Jesu Christi willen – keinen Menschen, der unter die Logik des Verbrauchs fällt. Im Gegenteil. Das geknickte Rohr wird er, der allmächtige Gott, gerade nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er gerade nicht auslöschen. Für Gott nämlich, der seinen Sohn nicht im Tod gelassen hat, gibt es keine aussichtslose Lage. Diejenigen, die vom Glauben an diese Botschaft erfasst sind, sind darum Protestleute gegen Resignation, Verzweiflung und Mutlosigkeit. Sätzen wie: „Das hat doch alles keinen Zweck!“, oder: „Den kann man vergessen!“, oder: „Es hat alles keinen Sinn mehr!“ geben sie keine Macht. Vielmehr trauen sie der Verheißung, die schon Jesaja vor vielen Jahrhunderten unter die Leute gebracht hat. Sie macht Mut sein Vertrauen noch in der schwierigsten Lage ganz und gar auf das Tun Gott zu richten: Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Ihr
Dr. Dieter Splinter
Pfarrer
Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst an der Evangelischen Hochschule Freiburg

Geistlicher Impuls zum Wochenspruch am 11. Sonntag nach Trinitatis

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade (1. Petrus 5,5b)

Hochmut und Demut. Diese Begriffe sind uns geläufig. Vielleicht sogar zu geläufig. Man kann sie schnell zur Hand haben. Wer den Kopf hoch trägt, allzu hoch trägt, läuft Gefahr als hochmütig verschrien zu werden. Die Argumente seiner Gegner laufen meistens auf eines hinaus: Hochmut kommt vor dem Fall! Mit dem Hochmut scheinen sich also viele auszukennen. Mit der Demut ist das schon schwieriger. Sie wird schnell mit Unterwürfigkeit in Verbindung gebracht. Und wer will sich dann seinerseits damit in Verbindung bringen lassen?

Und trotzdem heißt es: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. Gott hat dafür einen ganz bestimmten Grund. Er heißt Jesus Christus. Sich auf diesen Grund zu stellen, bedeutet, seinen Blick nicht bloß nach oben, sondern zugleich auch nach unten zu richten. Oder, um es in der Sprache des Theologen zu sagen, sich nicht bloß an der Auferstehung Jesu, sondern immer zugleich an Jesu Kreuz auszurichten. Denn Jesus Christus will nicht in der Höhe regieren, ohne zugleich in der Tiefe, bei uns und mit uns und für uns dazu sein.Wer in den Himmel will, muss immer zugleich auf die Erde schauen. Es wäre Arroganz gegen Gott, wenn wir das Leben auf Erden mit seinen privaten und öffentlichen Pflichten nicht mehr Ernst nehmen würden, also füreinander dazu sein. Auch und gerade für jene dazu sein, deren Tun und Lassen uns missfällt.

Denn füreinander da zu sein – das bedeutet immer auch, aneinander zu arbeiten. Und diese Arbeit tun, das heißt im Neuen Testament: Demut. Demut ist keine Unterwürfigkeit. Demut ist der Mut zur Arbeit aneinander. Nicht mehr und nicht weniger. Wer sich um diese Arbeit drückt, der demonstriert einen unerträglichen Hochmut, und zwar einen für Gott unerträglichen Hochmut.

Den Anderen neben sich gelten zu lassen und ihn im entscheidenden Augenblick mehr gelten zulassen als sich selbst – das ist Demut, das ist die harte Arbeit, die Gott von seinen Menschen im Umgang miteinander erwartet. Was Gott von allen Menschen erwartet, das mutet er speziell seiner Gemeinde zu. Auch der Umgang der Christen miteinander ist ja oft kein Kinderspiel. Die Meinung des anders Denkendenin der Kirche (und auch anderswo) zu ertragen, in der Kirche Jesu Christi (und anderswo) nicht nur nebeneinander, sondern füreinander da zu sein – das ist die Demut, der Gott seine Gnade verheißt .

Ihr
Dr. Dieter Splinter
Pfarrer
Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst an der Evangelischen Hochschule Freiburg

Geistlicher Impuls zum Wochenspruch am 9. Sonntag nach Trinitatis

Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen, und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern. (Lukas 12, 48b)

Das Beurteilen ist eine Strategie im Lebenskampf, manchmal harmlos, manchmal unvermeidlich, manchmal mit lebensverändernden Folgen. Wir alle sind in diese Handlungskette mehr oder weniger stark einbezogen. Wir beurteilen und wir werden beurteilt: in Schule, Studium oder Ausbildung, bei der Arbeit, in den Institutionen, in denen wir tätig sind, in Diskussionen und Debatten. Wer über große Talente verfügt, von dem wird viel erwartet. Und: die Allermeisten wollen selber nicht hinter ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten zurückbleiben.

Bei diesen Erfahrungen setzt das Wort Jesu an: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern.“ Jesus geht dabei davon aus, dass wir nicht nur uns selbst und anderen, sondern einmal Gott selber Rechenschaft für unser Tun und Lassen geben müssen. Darauf gilt es sich vorzubereiten.

Bei dieser Vorbereitung kann uns der „treue und kluge Verwalter“ ein Vorbild sein. Von ihm spricht Jesus in einem Gleichnis an dessen Ende sein Wort steht, von dem hier die Rede ist. Dieser Verwalter ist kein Besitzer. Und doch lebt er von seiner Aufgabe. Er kümmert sich um das ihm Anvertraute – und um die die ihm Anvertrauten. Er bemüht sich um Gerechtigkeit. Er setzt seine Talente ein und freut sich über Erreichtes. Er weiß, dass ihm viel gegeben und überantwortet worden ist und darum
auch viel von ihm gefordert werden darf. Er handelt nach bestem Wissen und Gewissen. Und er weiß stets um seine Verantwortung.

Wir tun gut daran, solch „treue und kluge Verwalter“ zu sein. Ob wir dann einmal vor Gottes Richterstuhl Gnade finden, wissen wir nicht – aber wir haben guten Grund darauf zu hoffen. Denn so sehr das Neue Testament auch vom Gericht spricht, so spricht es doch zugleich von Gottes Gnade. Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Nehmen wir die Rede vom Gericht nicht ernst, wird die Rede von der Gnade belanglos. Sie gilt – um Jesu Christi willen – im Leben wie im Sterben. Der Glaube macht uns dessen gewiss.

Darum heißt es in der ersten Frage des Heidelberger Katechismus von 1563: „Was ist nun dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Und die Antwort lautet: „Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.
Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst; und er bewahrt mich so, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupte fallen kann, ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss. Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens gewiss und von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben.“

Ihr
Dr. Dieter Splinter
Pfarrer
Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst
an der Evangelischen Hochschule Freiburg

Geistlicher Impuls zum Wochenspruch am 8. Sonntag nach Trinitatis

Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. (Epheser 5, 8b.9)

Wenn die Bibel vom Licht spricht, tut sie es mit drei einfachen Einsichten: Gott ist der Schöpfer des Lichts; Christus ist der Bürge des Lichts; und der Heilige Geist macht uns zu Boten des Lichts. Gott ist der Schöpfer des Lichts.

„Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht, und es seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und Gott setzte sie an den Himmel, dass sie den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, dass es gut war.“ So heißt es im biblischen Schöpfungsbericht. In der Umwelt des alten Israel hielt man die Sonne, den Mond und die Sterne für Götter. Die Leute waren Sonnenanbeter im wahrsten Sinne des Wortes. Der Schöpfungsglaube jedoch entgöttert die Welt. Auch das Licht ist ein Teil von Gottes guter Schöpfung und kann erforscht werden. Es ist aber nicht selber Gott. Es weist auf Gott hin, Gott aber ist unausforschlich. Er ist immer größer als das Licht, das wir sehen und größer als das Licht unserer Vernunft.

Jesus ist der Bürge des Lichts. So wichtig für uns die Sonne ist – darum pflegen viele im Sommer, wie es heißt, „Sonne zu tanken“ – wir leben nicht nur vom äußeren Licht. Ob wir mit unserem Leben im Reinen sind, entscheidet sich nicht daran, ob die Sonne scheint. „Hab‘ Sonne im Herzen, ob’s stürmt oder schneit“. Dieser Spruch ist zwar banal, trifft aber etwas Richtiges. Entscheidend kommt es darauf an, welches Licht, welche Sonne in unserem Herzen regiert. „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“ Dass wir uns dem entgegen strecken, der von sich sagen kann – „Ich bin das Licht der Welt!“ – darauf kommt es an. Dieses Licht ist immer schon da. Dass wir lernen, dieses eine Licht von den vielen Irrlichtern dieser Welt zu unterscheiden, das macht den Sinn unseres Lebens aus.

Der Heilige Geist macht uns zu Boten des Lichts. Gottes Geist ist nicht ein Geist der Verzagtheit, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Darum heißt es in der Bergpredigt: „Ihr seid das Licht der Welt!“ „Lebt als Kinder des Lichts!“ heißt das Echo dieses Wortes Jesu im Epheserbrief. „Aber ich bin doch nur ein kleines Licht“, mögen viele einwenden, „wie soll ich ein Licht für die Welt sein?“ Die Antwort: Alles Wichtige fängt klein an. Deine Gaben erscheinen dir bedeutungslos? Es kommt darauf an, in welchem Licht du sie siehst. Andere leuchten mehr als du? Schlag dir solche Gedanken aus dem Kopf. Gott vergleicht nicht. Gott liebt. Deshalb sind wir alle Kinder Gottes, Kinder des Lichts und nicht der Finsternis.

Und die Früchte dieses Lichts sind für uns alle erschwinglich; keinem hängen diese Trauben zu hoch: „Die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ Mich berührt besonders, dass da die Güte an erster Stelle genannt ist. Das Streben nach Gerechtigkeit kann unbarmherzig machen, Wahrheitsliebe kann zum Fanatismus verkommen, wenn es an Güte fehlt. Alle drei gemeinsam zeigen das Licht erst an. Durch Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit zusammen werden wir zu Boten des Lichts.

Ihr
Dr. Dieter Splinter
Pfarrer
Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst
an der Evangelischen Hochschule Freiburg

Geistlicher Impuls zum Wochenspruch am 8. Sonntag nach Trinitatis

Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. (Epheser 5, 8b.9)

Wenn die Bibel vom Licht spricht, tut sie es mit drei einfachen Einsichten: Gott ist der Schöpfer des Lichts; Christus ist der Bürge des Lichts; und der Heilige Geist macht uns zu Boten des Lichts.

Gott ist der Schöpfer des Lichts. „Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht, und es seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und Gott setzte sie an den Himmel, dass sie den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, dass es gut war.“ So heißt es im biblischen Schöpfungsbericht. In der Umwelt des alten Israel hielt man die Sonne, den Mond und die  Sterne für Götter. Die Leute waren Sonnenanbeter im wahrsten Sinne des Wortes. Der Schöpfungsglaube jedoch entgöttert die Welt. Auch das Licht ist ein Teil von Gottes guter Schöpfung und kann erforscht werden. Es ist aber nicht selber Gott. Es weist auf Gott hin, Gott aber ist unausforschlich. Er ist immer größer als das Licht, das wir sehen und größer als das Licht unserer Vernunft.

Jesus ist der Bürge des Lichts. So wichtig für uns die Sonne ist – darum pflegen viele im Sommer, wie es heißt, „Sonne zu tanken“ – wir leben nicht nur vom äußeren Licht. Ob wir mit unserem Leben im Reinen sind, entscheidet sich nicht daran, ob die Sonne scheint. „Hab‘ Sonne im Herzen, ob’s stürmt oder schneit“. Dieser Spruch ist zwar banal, trifft aber etwas Richtiges. Entscheidend kommt es darauf an, welches Licht, welche Sonne in unserem Herzen regiert. „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“ Dass wir uns dem entgegen strecken, der von sich sagen kann – „Ich bin das Licht der Welt!“ – darauf kommt es an. Dieses Licht ist immer schon da. Dass wir lernen, dieses eine Licht von den vielen Irrlichtern dieser Welt zu unterscheiden, das macht den Sinn unseres Lebens aus.

Der Heilige Geist macht uns zu Boten des Lichts. Gottes Geist ist nicht ein Geist der Verzagtheit, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Darum heißt es in der Bergpredigt: „Ihr seid das Licht der Welt!“ „Lebt als Kinder des Lichts!“ heißt das Echo dieses Wortes Jesu im Epheserbrief. „Aber ich bin doch nur ein kleines Licht“, mögen viele einwenden, „wie soll ich ein Licht für die Welt sein?“ Die Antwort: Alles Wichtige fängt klein an. Deine Gaben erscheinen dir bedeutungslos? Es kommt darauf an, in welchem Licht du sie siehst. Andere leuchten mehr als du? Schlag dir solche Gedanken aus dem Kopf. Gott vergleicht nicht. Gott
liebt. Deshalb sind wir alle Kinder Gottes, Kinder des Lichts und nicht der Finsternis.

Und die Früchte dieses Lichts sind für uns alle erschwinglich; keinem hängen diese Trauben zu hoch: „Die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ Mich berührt besonders, dass da die Güte an erster Stelle genannt ist. Das Streben nach Gerechtigkeit kann unbarmherzig machen, Wahrheitsliebe kann zum Fanatismus verkommen, wenn es an Güte fehlt. Alle drei gemeinsam zeigen das Licht erst an. Durch Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit zusammen werden wir zu Boten des Lichts.

Ihr

Dr. Dieter Splinter

Pfarrer
Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst
an der Evangelischen Hochschule Freiburg

Geistlicher Impuls zum 7. Sonntag nach Trinitatis

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. (Epheser 2, 19)

Zu Hause sein, dazu gehören, kein geduldeter Gast mehr, kein Fremder mehr, ganz und gar angekommen. Wir Menschen brauchen das: beheimatet zu sein, wissen, wohin man gehört, kein Bürger zweiter Klasse zu sein, sondern ein Bürger wie jeder andere auch. Beheimatung – das soll es vor allem unter Christenmenschen geben, auch und gerade für jene, die fremd sind, sich vielleicht sogar auf der Flucht befinden. Gerade sie brauchen „Genossen“, Menschen, die für sie da sind. In einer Genossenschaft steht jeder für jeden ein. Und das gilt besonders für jene, die Gottes Hausgenossen sind – also für jene, die in Wort und Sakrament Gottes Nähe erfahren und auf seine Zusage hören, die da lautet: „Ich bin für euch da!“

Solch eine Genossenschaft trägt. Sie ist das, was den Zusammenhalt in einer Gemeinde ausmacht. Da muss nicht gleich jeder jeden innig und immer lieben. Aber man ist füreinander da, hilft einander, steht einander bei.

Wo diese Genossenschaft in einer Gemeinde gelebt wird, wird Gottes Gegenwart spürbar und die Einigkeit untereinander wächst. Solch eine Einigkeit macht stark. Wo diese Einigkeit vorhanden ist, wächst zugleich die Kraft für ein besseres Leben einzutreten. Für Martin Luther King Jr. etwa und für die, die mit ihm gegen die Rassentrennung in den USA vorgingen, war klar: Wer gegen Unrecht vorgeht, kann sich aus Konflikten nicht heraushalten. Wer Eintracht will, wird vorübergehend Zwietracht nicht vermeiden können. Aber der Zweck heiligt nicht die Mittel. Wer will, dass Menschen liebevoller miteinander umgehen, darf nicht selber lieblos vorgehen.

Wer möchte, dass es barmherzig unter den Menschen zugeht, darf selber nicht unbarmherzig sein. Die Mittel müssen den Zielen entsprechen. Wo das in einer Gemeinde vorgelebt wird, strahlt es aus und wird zu einer Einladung an jene, die auf der Suche nach Halt, Beheimatung und Sinn in ihrem Leben sind.
Denn gerade sie brauchen die Hoffnung, dass diese Zusage wahr wird: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“

Ihr
Dr. Dieter Splinter
Pfarrer

Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst
an der Evangelischen Hochschule Freiburg
Buggingerstraße 38
79114 Freiburg
Tel. 0761/478 12-698
email:dieter.splinter@ekiba.de
Homepage:www.praedicare.de

Geistlicher Impuls zum Wochenspruch am 6. Sonntag nach Trinitatis

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich ge­macht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! (Jesaja 43, 1)

Warum bin ich da? Wer hat mich gewollt? Was wird aus mir werden? Die Frage nach der Erwählung ist ein zentrales Problem jedes Lebens. In allen Bereichen spielt sie eine wichtige Rolle. In der Liebe: Bin ich seine Auserwählte? Bei jeder Bewerbung: Werde ich ausgewählt? Die verschiedenen Casting-Shows im Fernsehen spielen damit: Wer kommt weiter? Wer fällt durch? In Krisen, Katastrophen und Krankheiten: Gehöre ich zu denen, die es schaffen? So oder so – in der Erwählung geht es immer um das Eine, um Lebensgewissheit.

Für den Propheten Jesaja steht fest: Gott hat das Volk Israel erwählt. Er hat es aus der Knechtschaft in Ägypten befreit. Er erlöst es aus der babylonischen Gefangenschaft. Er wird für sein Volk da sein – komme, was da wolle. Gott steht zu und bei dem Volk, das er erwählt hat.

In Christus, so bekennen wir Christenmenschen, hat Gott seine Erwählung ausgeweitet. Die Erwählung seines Volkes Israel bleibt bestehen. Doch zugleich ist um Jesu Christi willen, der für uns gekreuzigt wurde und für uns auferstand, Gottes Erwählung nun auch für Nicht-Juden da: allein aus Gnade und allein aus Glauben. Das sichtbare Zeichen für diese Erwählung in Christus ist die Taufe. In und mit der Taufe wird einem jeden und einer jeden von uns zugesprochen: Gott hat Dein Leben gewollt. Gott hat Dich in sein Volk, zu seiner Gemeinde berufen. Gott hat Dich zum ewigen Leben erwählt.

Wie aber bleibe ich meiner Erwählung gewiss? Schließlich haben nicht alle auf dieser Welt die gleichen Lebenschancen. Nicht alle erfahren dasselbe Maß an Liebe und Glück. Nicht alle, die leben, sind auf der Erde willkommen, werden freudig begrüßt und andauernd bejaht. Sollte auch Gott einer sein, der nicht alle seine Geschöpfe gleichmäßig liebt?

Auch wir Glaubende verstehen Gott nicht immer. Dennoch sagen wir: Gott ist unermesslich in seiner Liebe. Unergründlich in seiner Gerechtigkeit. Er hat die Welt geschaffen – und doch gibt es das Böse darin. Darum bleiben die Fragen der Ungewissheit: Bin ich berufen? Bin ich erwählt? Bin ich geliebt? Die Antwort kommt nicht aus uns selber. Sie kommt aus dem Wort Gottes. Und so spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Ihr

Dr. Dieter Splinter
Pfarrer
Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst
an der Evangelischen Hochschule Freiburg
Buggingerstraße 38
79114 Freiburg
Tel. 0761/478 12-698
email:dieter.splinter@ekiba.de
Homepage:www.praedicare.de

Geistlicher Impuls zum Wochenspruch am 5. Sonntag nach Trinitatis

Aus Gnade seid ihr gerettet durch den Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es. (Epheser 2, 8)

„Denn ich ereiferte mich über die Ruhmredigen, da ich sah, dass es den Frevlern so gut ging. Sie höhnten und reden böse, sie reden und lästern hoch her. Was sie reden, das soll vom Himmel herab geredet sein; was sie sagen, das soll gelten auf Erden. Darum läuft ihnen der Pöbel zu und schlürft ihr Wasser in vollen Zügen.“

Diese Worte finden sich im Wochenpsalm (Psalm 73). Ich lese diese Worte – und mir stehen gleich die „Ruhmredigen“ unserer Tage vor Augen. Fast täglich wird von ihnen in den Nachrichten gesprochen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich selbst und ihre Taten rühmen. Voll des Eigenlobes und von oben herab reden sie zugleich die Probleme dieser Welt klein: Die Corona-Pandemie ist bloß „eine kleine Grippe“, die Umweltzerstörung und den Klimawandel gibt es nicht, Rassismus auch nicht und soziale Ungerechtigkeit schon gar nicht. Führen die „Ruhmredigen“ einen Staat, finden sich immer Leute, die ihnen folgen und ihre Reden aufnehmen wie Wasser, das man in vollen Zügen schlürfen kann. Oft merken jene, die solchen „Ruhmredigen“ nachlaufen, zu spät, dass die vermeintlichen Retter die eigentlichen Ruinierer sind.

Die Worte aus dem Epheserbrief, die über der neuen Woche stehen, wissen es besser: Rettung kommt nicht von den „Rumredigen“. Sie ist vielmehr eine Gabe Gottes. Sie kommt daraus, dass Gott uns Glauben schenkt. Wenn wir sagen „Ich glaube an Gott…“, dann ist das immer schon Antwort auf das, was Gott zu einem jeden, zu einer jeden von uns sagt: „Du bist mir recht! Ich liebe dich wie einen Sohn, wie eine Tochter! Ich glaube an dich!“ Weil Gott an uns glaubt, können wir an ihn glauben. Weil er uns Glauben schenkt, können wir ihm Glauben schenken. Glauben schenken bedeutet aus ganzem Herzen zu vertrauen. Wer Gott vertraut, ist gegen die Reden der „Ruhmredigen“ dieser Welt gefeit. Er schenkt denen, die sich nur selber rühmen, keinen Glauben. Er vertraut ihnen nicht. Vielmehr weiß er, worin er gegründet ist: „Aus Gnade seid ihr gerettet

Ihr
Dr. Dieter Splinter
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Geistlicher Impuls zum Wochenspruch am 4. Sonntag nach Trinitatis

Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. (Galater 6, 2)

„Willst du sprechen über mich und die Meinen? Geh nach Haus und beseh‘ die Deinen! Findest du dort keine Fehler und Gebrechen, steht es dir ja frei, über mich und die Meinen zu sprechen.“ Das stand über dem Ausgang des Hauses, in dem ich als Kind wohnte. Sorgen, Leid, Schwierigkeiten, Nöte, die Folgen von Schuld und Versäumnissen finden sich überall. Eine Redensart sagt es kurz und treffend so: „Unter jedem Dach ein Ach.“ Da sich unter jedem Dach ein Ach findet, verbietet es sich auch von selbst, über die „Fehler und Gebrechen“ anderer herzuziehen. Wer das tut, muss in der Regel andere heruntermachen, um sich selber größer und besser zu fühlen.

Der Apostel Paulus rät uns Christenmenschen von vornherein einen ganz anderen Weg zu gehen, nämlich die Last des anderen zu tragen – oder wenigstens einen Teil davon. Erstaunlich ist, wie sehr dieser Rat – trotz der verbreiteten Neigung über andere herzuziehen – Allgemeingut geworden ist. Darum stellt der Volksmund fest: „Geteiltes Leid ist halbes Leid“. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. Eines ist ganz aktuell: Momentan werden enorme Summen aufgebracht, um hierzulande und in ganz Europa die Folgen der Corona-Pandemie zu mildern und – wenn irgend möglich – gestärkt aus der Krise herauszukommen. Dabei wird es wohl so sein, dass die dadurch entstehenden Lasten verteilt werden und die stärkeren Schultern mehr werden tragen müssen als die schwächeren.

Paulus erwartet von uns Christenmenschen aber nicht bloß in besonders schwierigen Zeiten Lastenträger zu sein. Schließlich geht es darum, das „Gesetzt Christi“ zu erfüllen. Und das gilt immer und ist schnell auf den Punkt gebracht: „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst!“ Wer Gott liebt weiß, wer für seinen einzigen Trost im Leben und im Sterben sorgt. Aus dieser Gewissheit erwächst Freiheit. Die Herren dieser Welt mögen kommen und gehen – unser Herr kommt. Wer seinen Nächsten liebt, weiß wozu er auf der Welt ist. Für Barmherzigkeit gibt es stets genug Gelegenheiten. Und wer sich selbst liebt, kennt seine Grenzen. Er wird sich beim Tragen der Lasten anderer nur das aufbürden, was er wirklich (er-)tragen kann. Auf diese Weise wird dem Wort des Paulus an die Galater ein Wort, das ermutigt und weiterführt: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“

Ihr

Dr. Dieter Splinter
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